Wissenschaft, Weltraum & Zukunft

Wer die Zukunft entwerfen darf

Ein Zukunftsbild kann uns in eine andere Welt ziehen. Ob wir sie auch verändern dürfen, entscheidet sich an der Einladung, den Gesprächsregeln und dem Weg zur Entscheidung.

Fünf Erwachsene halten gemeinsam eine große blaue Stoffmembran über einem trockenen hellen Brunnenplatz im Wind.KI-generiertes Symbolbild
KI-generiertes Symbolbild; keine dokumentarische Aufnahme. Absichtlich ohne Marken, Logos oder erkennbare Figuren.

In Superflux’ Installation *Mitigation of Shock* betreten Besucher eine erdachte Londoner Wohnung um 2050. Im Wohnraum wachsen Lebensmittel in improvisierten Anlagen; der übliche Überfluss ist einer anderen Routine gewichen. Das Studio hat diese Wohnung gebaut, damit eine mögliche Klimazukunft nicht nur auf einer Kurve erscheint, sondern als Frage des täglichen Lebens. Es ist eine Fiktion, keine Reportage aus dem Jahr 2050. [2]

Genau dort beginnt die interessante Reibung: Wer darf in dieser Zukunft eigentlich entscheiden, wie gegessen, getauscht und füreinander gesorgt wird? Ein eindrucksvolles Szenario kann das Gespräch öffnen. Es kann aber auch so fertig wirken, dass Besucher nur noch ehrfürchtig nicken. Zwischen Zuschauen und Mitbestimmen liegt eine soziale Praxis – die Art, wie wir andere einladen, ihre Einwände behandeln und mit Ergebnissen weiterarbeiten.

Ein Raum stellt bessere Fragen als eine Prognose

Superflux hat für *Mitigation of Shock* keine neue Klimaprognose als Wohnungsgrundriss ausgegeben. Das Studio entwarf einen begehbaren möglichen Alltag: Nahrungsanbau im Innenraum, veränderte Rezepte, improvisierte Geräte und Hinweise auf lokale Tauschbeziehungen. Gerade das Banale ist stark. Man denkt nicht nur an Temperaturkurven, sondern an die nächste Mahlzeit und daran, auf wen man angewiesen wäre. [2]

Der Reiz solcher Design Fiction liegt im Benutzen einer Idee. Ein Gegenstand, eine Küche oder ein Raum lässt unausgesprochene Annahmen sichtbar werden. Wer versorgt die Pflanzen? Wer hat die Zeit dafür? Was passiert mit Menschen ohne Platz, Geld oder Nachbarschaftsnetz? Diese Fragen sind meine Lesart der Installation, keine von Superflux erhobenen Antworten. Sie zeigen, weshalb die soziale Ordnung einer Zukunft wichtiger sein kann als ihr glänzendstes Gerät.

Ein begehbarer Entwurf bleibt dennoch kuratiert. Die Wohnung hat ein Studio entworfen, bevor Besucher eintreten. Sie dürfen ihr Verhältnis zu diesem Bild prüfen; daraus folgt noch keine Macht, die Entscheidungen über ihre reale Stadt zu verändern. Gerade deshalb lohnt es sich, die nächste Stufe der Beteiligung gesondert anzusehen.

Butler schreibt Gemeinschaft statt Gebrauchsanweisung

Octavia E. Butlers *Parable of the Sower* erzählt von Lauren Olamina, die in einem von Gewalt, Klimakrise und Ungleichheit geprägten Amerika unterwegs ist und eine Gemeinschaft aufbaut. Der Verlag beschreibt genau diese soziale Bewegung als Kern des Romans. Das Buch lässt Zukunft nicht als fertige technische Ausstattung erscheinen: Menschen müssen miteinander auskommen, Regeln entwickeln und Vertrauen riskieren. [1]

Science-Fiction kann auf diese Weise etwas leisten, das eine Folie mit Trends kaum schafft. Sie lässt uns eine Möglichkeit aus der Perspektive einer Figur beurteilen. Bei Lauren ist das keine Einladung, Butlers Roman als Kalender künftiger Ereignisse zu lesen. Wer nur nach erfüllten Vorhersagen sucht, verpasst die härtere Frage: Welche Beziehungen tragen, wenn vertraute Sicherheiten fehlen?

Ein Roman gibt seinen Leserinnen und Lesern allerdings keine direkte Stimme in Laurens Welt. Sie können darüber streiten, Lesekreise organisieren, Einwände weitertragen oder eigene Szenarien schreiben. Diese Kultur um ein Werk herum ist wertvoll. Sie ist noch nicht dasselbe wie politische Beteiligung. Der Schritt vom gemeinsamen Deuten zum gemeinsamen Entscheiden muss ausdrücklich gebaut werden.

Widerspruch gehört zur Gestaltung

Eine Originalarbeit von Henry Mainsah, Carolina Sanchez Boe, Bastien Kerspern und Léa Lippera beschreibt Design-Fiction-Workshops in Dänemark, Norwegen und Frankreich. Studierende, Forschende, Aktivisten, Kunstschaffende und andere Beteiligte entwarfen, spielten und kritisierten mögliche Anwendungen digitaler Überwachung. Die Forschenden beschreiben Humor und spielerische Darstellung als Hilfen, um ethische Fragen überhaupt verhandelbar zu machen. [6]

Das ist ein anderer sozialer Moment als der Besuch einer fertigen Wohnung. Ein Entwurf wird erst im Gespräch hergestellt und darf seltsam, unbequem oder falsch sein. Wenn jemand bei einer fiktiven Gesichtserkennung für den Arbeitsweg fragt, wer die Daten kontrolliert, ist dieser Einwand Teil der Arbeit, nicht die Störung einer eleganten Präsentation. Das Beispiel für den Arbeitsweg ist hier ein Gedankenanstoß; die Studie untersucht mehrere Felder, darunter Beschäftigung, Gesundheit und Tourismus. [6]

Die Arbeit belegt, dass solche Übungen Reflexion ermöglichen können. Sie beweist nicht, dass danach eine Überwachungstechnik verhindert oder eine politische Entscheidung geändert wurde. Diese Grenze macht das Format nicht wertlos. Sie hält die Messlatte ehrlich: Eine gute Zukunftswerkstatt erzeugt prüfbare Fragen und erkennt die Grenzen der eigenen Vorstellung.

Auch ein Spiel hat eine Türpolitik

Nestas Spiel *Our Futures* dreht die Blickrichtung nochmals. Spielerinnen und Spieler entwerfen Aktivitäten, mit denen mehr Menschen an Zukunftsfragen beteiligt werden könnten; die Runde stimmt über Vorschläge ab. Das Spiel fragt also nicht bloß: Wie sieht die Welt aus? Es fragt: Wie holen wir andere überhaupt in die Vorstellung dieser Welt hinein? [5]

Das klingt leicht, kann aber eine unbequeme Frage freilegen. Wer kennt die Spielregeln? Wer spricht so flüssig über Szenarien, dass sein Vorschlag sofort plausibel wirkt? Wer müsste betreut, übersetzt, bezahlt oder zu einer anderen Uhrzeit eingeladen werden? Solche Fragen sind redaktionelle Folgerungen aus dem Spielprinzip. Sie gehören zum sozialen Design einer Runde ebenso wie die Karten oder der schönste Entwurf.

UNESCOs Futures Literacy Labs setzen ebenfalls auf gemeinsames Lernen: Menschen untersuchen, welche Annahmen ihre Bilder der Zukunft tragen und warum sie diese Bilder benutzen. Das ist anspruchsvoller als eine Abstimmung über die schickste Utopie. Eine Zukunft, die im Workshop für alle selbstverständlich klingt, kann im Alltag einer anderen Person unmöglich sein. Erst die abweichende Perspektive zeigt, was die Gruppe bisher für normal gehalten hat. [3]

Wer nach dem Workshop noch eine Stimme hat

Wie eine solche Runde aussehen kann, zeigt UNESCOs Bericht über das Labor *Futuros que nos Encuentran* im Rahmen von Proyecta Chile 2050. Mehr als 60 Menschen aus öffentlichen Stellen, Hochschulen, Forschung, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft untersuchten gemeinsam Annahmen über Chiles mögliche Zukunft. Der Bericht dokumentiert eine sektorübergreifende Lern- und Gesprächssituation. Er belegt keine spätere verbindliche Entscheidung durch diese Gruppe. [7]

Genau diese Trennung ist politisch wichtig. Nestas Bericht *Our Futures: By the people, for the people* empfiehlt, auch ungewöhnliche Stimmen einzubeziehen, Erwartungen an Beteiligung ehrlich zu erklären und Wirkung zu evaluieren. Sonst kann der attraktivste Workshop Menschen dazu bringen, Zeit und Hoffnung zu investieren, während die eigentliche Entscheidung anderswo längst feststeht. [4]

Beteiligung ist darum mehr als eine volle Gästeliste. Wer eine Zukunftsübung veranstaltet, sollte sagen können, wer die Frage formuliert hat, welche Gruppen fehlen, wie Dissens festgehalten wird und wer später auf ihn antwortet. Das sind keine Garantien für Konsens. Sie sind die Mindestbedingungen dafür, dass ein Einwand nicht mit dem Abbau der Ausstellung verschwindet.

Die nächste Zukunft braucht eine Gegenfrage

Beim nächsten Science-Fiction-Abend darf eine Welt erst einmal einfach faszinieren. Butlers Roman muss keine Bürgerversammlung ersetzen, und Superflux’ Wohnung darf eine starke künstlerische Setzung sein. Wenn ein Zukunftsbild jedoch als Beteiligung verkauft wird, gelten andere Maßstäbe. Dann reicht die Einladung zum Anschauen nicht mehr. Die Teilnehmenden müssen wissen, was sie verändern können und was aus ihren Beiträgen wird. [1] [2] [4]

Drei kurze Fragen helfen: Wer hat dieses Szenario gebaut? Wessen Alltag kommt darin nicht vor? Wohin geht mein Widerspruch? Sie passen zum Ausstellungsbesuch, zum Lesekreis und zur öffentlichen Zukunftswerkstatt. Man muss dafür kein Zukunftsforscher sein. Gerade die Person, die mit Fachbegriffen nichts anfangen kann, merkt oft zuerst, wenn ein angeblich universeller Entwurf ihre Schichtarbeit, ihre Pflegepflichten oder ihren Weg durch die Stadt übersieht.

Eine Zukunft zum Anfassen ist noch keine Zukunft zum Mitbestimmen. Ihr Wert beginnt dort, wo andere Menschen nicht nur staunen sollen, sondern die gemeinsame Geschichte verändern dürfen.

Originalquellen zu Fiktion, Gestaltung und Beteiligung

  1. Seven Stories Press – Parable of the Sower (publisher-primary-book-record)
  2. Superflux – Mitigation of Shock (London) (creator-primary-project-record)
  3. UNESCO – Futures Literacy: About (institutional-method-description)
  4. Nesta – Our Futures: By the people, for the people (institutional-original-report)
  5. Nesta – Our Futures game (creator-primary-game-record)
  6. Mainsah et al. – Design fiction as critical pedagogy (2026) (peer-reviewed-original-research)
  7. UNESCO Santiago – Proyecta Chile 2050 Futures Laboratory (institutional-primary-event-report)

Recherche- und Redaktionsstand: 12. Oktober 2026. Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig.

Geschrieben & verantwortet von

Benjamin Metzig

Gründer und Autor von Tiefnerdig. Liebt konkrete Namen, klare Urteile und Quellen, die tatsächlich halten, was der Text ihnen zuschreibt.

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