Eine Wettervorhersage für morgen, ein Emissionspfad bis 2100 und eine Science-Fiction-Stadt im Jahr 2300 sprechen alle über Zukunft. Sie geben aber völlig verschiedene Versprechen. Wer sie auf derselben Skala „richtig oder falsch“ bewertet, übersieht Bedingung, Zeithorizont und Erkenntniszweck.
Vier Zukunftssätze mit anderer Grammatik
| Form | Typische Aussage |
|---|---|
| Prognose/Forecast | Unter aktuellem Wissen ist Ergebnis X im Zeitraum wahrscheinlich. |
| Projektion | Wenn Annahmen A gelten, ergibt das Modell Entwicklung X. |
| Szenario | Dieser konsistente Pfad zeigt eine plausible Kombination von Entwicklungen. |
| Zukunftsbild | Diese Darstellung macht eine mögliche Zukunft anschaulich oder diskutierbar. |
Bedingte Sätze verlieren gern ihren Wenn-Teil
Eine Projektion ist explizit an Annahmen gebunden. Das IPCC-Glossar unterscheidet sie von einer Vorhersage gerade durch diese Konditionalität. [1] In Überschriften verschwindet das „wenn Emissionen diesem Pfad folgen“ leicht; übrig bleibt eine scheinbar absolute Jahreszahl.
Das macht die Modellrechnung nicht falsch. Es macht die Kommunikation unvollständig. Eine gute Darstellung hält Szenario, Modellspanne und beobachtete Entwicklung getrennt sichtbar.
Szenarien sind Versuchsräume
Ein Szenario kombiniert Annahmen über Treiber, Entscheidungen und Wechselwirkungen zu einem in sich plausiblen Pfad. Es soll Abhängigkeiten zeigen und Strategien testen. Die IPCC-Szenariendarstellung erklärt solche Pfade, ohne sie als Wettrennen um den wahrscheinlichsten Ausgang zu behandeln. [2]
Mehrere Szenarien sind nützlich, wenn die Zukunft stark von Entscheidungen abhängt. Sie verhindern, dass eine einzige mittlere Linie als Schicksal gelesen wird. Extreme, aber plausible Pfade können für Risikovorsorge wichtiger sein als der Median.
Unsicherheit hat Quellen
- Messunsicherheit in den Ausgangsdaten
- Parameterunsicherheit innerhalb eines Modells
- Strukturunsicherheit zwischen Modellen
- Szenariounsicherheit über menschliche Entscheidungen
- tiefe Unsicherheit über unbekannte Mechanismen oder Brüche
Ein Zukunftsbild darf erzählen – wenn es das sagt
Design Fiction, Roman und Visualisierung können Konsequenzen erfahrbar machen, ohne Eintrittswahrscheinlichkeiten zu berechnen. Ihre Stärke ist Konkretion: Wer profitiert, wie riecht eine Straße, welche neue Routine entsteht? Ihre Schwäche beginnt, wenn Ästhetik als Beleg verkauft wird.
Modelle und Geschichten wählen gleichermaßen Aspekte aus, aber nach anderen Gütekriterien. Wissenschaftliche Modelle werden an Daten, Konsistenz und Prognosebereich geprüft. [3] Zukunftsbilder werden an Einsicht, Perspektive und produktiver Irritation bewertet.
Der Prüfkopf für jede Zukunftsgrafik
- Welcher Typ Aussage wird beansprucht?
- Welche Annahmen und Entscheidungen sind gesetzt?
- Welche Unsicherheit ist quantifiziert, welche nur beschrieben?
- Welcher Zeitraum und welche räumliche Skala gelten?
- Was würde die Aussage nachträglich widerlegen oder aktualisieren?
Szenarien, Projektionen und Modellpraxis
- IPCC AR6 WGII – Annex II: Glossary (research-institution)
- IPCC AR6 – Mitigation Pathways and Scenarios (research-institution)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy – Models in Science (research-reference)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy – Model Theory (research-reference)
- Scientific Reports – Analysing and Visualising Challenge Results (research)
Recherche- und Redaktionsstand: 15. August 2026. Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig.
