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Die Kampagne ist vorbei. Jetzt beginnt das Archiv.

Ein Ordner voller Dateien ist noch kein Gedächtnis. Mit einem kleinen Archivkern, unabhängigen Exporten und getesteten Kopien bleibt eine Kampagne Jahre später wirklich lesbar.

Ein geöffneter Metallbehälter liegt nach einem Wasserschaden in einer leeren Archivhalle; sein trockener transparenter Kern bewahrt eine kleine originäre Fantasielandschaft.KI-generiertes Symbolbild
KI-generiertes Symbolbild; keine dokumentarische Aufnahme. Absichtlich ohne Marken, Logos oder erkennbare Figuren.

Stell dir das Wiedersehen in fünf Jahren vor. Der Ordner ist noch da: 612 Bilder, drei Versionen der Hausregeln, ein Foundry-Backup, ein Roll20-Spiel und ein Discord-Export. Trotzdem weiß niemand mehr, welche Karte zuletzt galt, warum die Hauptstadt brannte oder ob „finale_regeln_neu2.pdf“ vor oder nach dem Drachenkampf entstand. Nichts ist wirklich verschwunden. Die Kampagne ist trotzdem kaum noch lesbar.

Das ist der Unterschied zwischen Aufheben und Archivieren. Ein Download-Ordner konserviert Dateien. Ein Archiv bewahrt Zusammenhang. Für eine Pen-&-Paper-Runde heißt das nicht, das Wohnzimmer in ein Staatsarchiv zu verwandeln. Es heißt, einer zukünftigen Person genug Wegweiser zu hinterlassen, damit aus Daten wieder eine gemeinsam erlebte Welt werden kann.

Aufheben ist noch kein Erinnern

Die erste falsche Idee lautet: Wir sichern einfach alles. Das klingt großzügig und produziert oft nur eine größere Suchaufgabe. Die Library of Congress beginnt ihre Empfehlung für persönliche digitale Bestände nicht mit einer Festplatte, sondern mit Auswahl und Ordnung. Erst danach kommen Kopien auf unterschiedlichen Medien und die spätere Migration auf aktuelle Speicher. [1]

Für Kampagnen ist die Auswahl keine Wegwerfaktion. Sie klärt, was die Runde überhaupt hinterlassen will. Der komplette Chat kann für die Beteiligten kostbar sein, aber er erklärt einem späteren Leser nicht automatisch, welche Ereignisse Kanon wurden. Eine Sammlung von Karten zeigt Orte, aber nicht, welche davon verworfen waren. Ein Charakterbogen dokumentiert Werte, aber nicht, warum eine Figur am Ende die Gruppe verließ.

Darum braucht das Archiv eine Zielperson. Das kann die eigene Runde sein, die in einigen Jahren einen Jubiläumsabend plant. Es kann eine neue Spielleitung sein, die die Welt übernimmt. Oder es kann schlicht das zukünftige Ich sein, das noch weiß, dass der Abend großartig war, aber nicht mehr, weshalb. Ein gutes Archiv beantwortet für diese Person drei Fragen: Was ist hier? Wie hängt es zusammen? Was darf ich damit tun?

Der Archivkern passt in sechs Dateien

Die brauchbarste Einheit ist nicht das größte ZIP, sondern ein kleiner Kern, der ohne Spezialsoftware lesbar bleibt. Sechs Dateien genügen als Start. Sie sind keine Bürokratie, sondern die Legende zur Schatzkarte.

Die Dateinamen dürfen langweiliger sein als die Welt. Genau das ist ihre Stärke. Die U.S. National Archives empfiehlt konsistente, bedeutungstragende Namen, bei denen Datum, Projekt und Version immer an derselben Stelle stehen. 2026-08-18_hausregeln_v03.md ist nicht poetisch, sortiert sich aber auch auf einem fremden Rechner noch sinnvoll ein. [3]

Wer Obsidian nutzt, hat für Text einen guten Ausgangspunkt: Die Notizen liegen als Markdown-Klartext in einem normalen Vault-Ordner und lassen sich auch ohne Obsidian mit anderen Editoren öffnen. Die .obsidian-Konfiguration kann zusätzlich erhalten bleiben, doch die eigentlichen Notizen sind nicht darin eingeschlossen. [4]

Datei Was sie festhält Was draußen bleiben darf
README.md System, Zeitraum, Beteiligte, Ordnerlogik und benötigte Software die ganze Kampagnenerzählung
chronik.md zentrale Sitzungen, Wendepunkte und das Ende in knapper Reihenfolge jeder Würfelwurf
hausregeln.md gültige Regeln, Änderungen und die letzte verwendete Fassung überholte Diskussionen ohne Ergebnis
figuren.md Figuren, Beziehungen und ihr Stand am Schluss private Spielerinformationen
medieninventar.csv Karten, Bilder, Audio, VTT-Welten, Herkunft und Speicherort Vorschaubilder ohne Original
zugriff-und-rechte.md Wer darf was lesen, weitergeben oder veröffentlichen? pauschale Annahmen über Zustimmung

Erst exportieren, dann verschönern

Ein Archiv sollte zwei Fassungen nebeneinander behalten: das Original und eine einfache Lesefassung. Das Original bewahrt Funktionen und Details. Die Lesefassung rettet den Inhalt, falls die alte Anwendung, das Abo oder ein Plugin später nicht mehr verfügbar ist.

Für Text sind Markdown, UTF-8-Klartext oder CSV oft gute Lesefassungen, weil viele Programme sie öffnen können. Für ein gestaltetes Charakterblatt oder eine Chronik kann zusätzlich ein durchsuchbares PDF sinnvoll sein. PDF/A ist eine eigene ISO-Formatfamilie für statische Seitendokumente mit langfristigerer, geräteunabhängiger Wiedergabe; nicht jedes beliebige Als PDF speichern erzeugt automatisch eine valide PDF/A-Datei. [13]

Wichtig ist das Wort zusätzlich. Eine schön gesetzte PDF-Chronik ersetzt nicht die bearbeitbare Markdown-Datei. Ein Screenshot der Roll20-Karte ersetzt nicht das Originalbild. Ein Video vom Durchklicken der Foundry-Welt kann Atmosphäre retten, aber keine durchsuchbaren Journale. Das Archiv muss sich nicht für Original oder Lesbarkeit entscheiden. Es hält beides zusammen und notiert, welche Fassung wofür gedacht ist.

Bei Papier gilt derselbe Respekt. Handschriftliche Sitzungsnotizen, Karten und Briefe können das lebendigste Material der ganzen Kampagne sein. Die Library of Congress rät zu einer kühlen, relativ trockenen und stabilen Umgebung, fern von riskanten Dachböden und Kellern, sowie zu geeigneten säure- und ligninfreien Mappen oder Dokumentboxen. [2] Ein guter Scan schafft Zugang. Das Original bleibt trotzdem ein Original.

Plattformen erinnern nur an sich selbst

Die gefährlichsten Lücken entstehen dort, wo eine Plattform etwas Backup oder Kopie nennt und die Runde darunter ein vollständiges Archiv versteht. Die Funktionen sind nützlich. Ihre Grenze muss nur mitgesichert werden.

Discord liefert auf Anfrage ein ZIP-Datenpaket. Darin stehen die vom eigenen Konto gesendeten Nachrichten als JSON; Anhänge erscheinen als CDN-Links. Manuell gelöschte Nachrichten sind nicht mehr enthalten. Das ist eine wertvolle persönliche Datenkopie, aber kein vollständiges Protokoll aller Stimmen einer Runde und keine Garantie, dass verlinkte Anhänge später noch erreichbar sind. [6]

Roll20 kann ein Spiel innerhalb der Plattform kopieren und dabei Seiten, Chatlog, Journal, Forum und weitere Elemente übernehmen. Das ist hervorragend vor einem Umbau oder für eine spielbare Abzweigung. Es bleibt jedoch eine weitere Roll20-Partie, kein dokumentierter unabhängiger Export. Der Chat- und Journalzugang hängt weiter am Konto und an der Plattform. [7]

Foundry Virtual Tabletop ist lokaler, aber auch dort ist Welt gesichert nicht dasselbe wie alles gesichert. Die offizielle Dokumentation unterscheidet Welt-Backups, Snapshots und manuelle Kopien; Paketbackups erfassen nur die vorgesehenen Paketverzeichnisse. [8] Multimedia-Assets außerhalb der Welt können fehlen, und nach einem Verschieben zeigen wiederhergestellte Journale womöglich auf tote Pfade. Foundry empfiehlt deshalb, die verwendeten Assets zusammenzuhalten und separat zu kopieren. [9]

Die praktische Konsequenz ist nüchtern: Exportiere zuerst aus jeder Plattform, was sie tatsächlich hergibt. Kopiere danach die unabhängigen Originaldateien. Erzeuge schließlich die Lesefassungen. Erst wenn diese drei Ebenen beieinanderliegen, darf das Archiv hübsch werden.

Drei Kopien sind gut. Eine Wiederherstellung ist besser.

Eine Cloud-Synchronisation fühlt sich wie Sicherheit an, weil dieselben Notizen auf Laptop und Telefon erscheinen. Sie kann aber einen versehentlich gelöschten oder beschädigten Stand ebenso zuverlässig überall verteilen. Obsidian formuliert die Grenze ausdrücklich: Synchronisation hält Dateien gleich; ein Backup ist eine getrennte Kopie, aus der man nach Verlust zurückkehren kann. [5]

Für eine private Runde reicht eine verständliche Staffelung: eine Arbeitskopie, eine lokale Sicherung auf einem anderen Medium und eine weitere Kopie an einem anderen Ort. Die Library of Congress verlangt für persönliche Bestände mindestens zwei unterschiedliche Medien an getrennten Orten und empfiehlt, die Dateien ungefähr alle fünf Jahre auf aktuelle Speichermedien zu migrieren. Das ist keine Garantie gegen jedes Unglück. Es verhindert nur, dass ein defekter Rechner, ein verlorenes Konto oder ein Wasserschaden sofort das ganze Gedächtnis besitzt. [1]

Prüfsummen machen diese Kopien überprüfbar. Die Digital Preservation Coalition beschreibt sie als digitale Fingerabdrücke: Schon eine kleine Dateiänderung erzeugt einen anderen Wert. Eine Prüfsumme sagt nicht, ob der Inhalt wahr oder gut ist. Sie sagt, ob die Bits noch mit dem geprüften Stand übereinstimmen. Bei mehreren Kopien kann eine beschädigte Datei durch eine bekannte gute ersetzt werden. [12]

Wer es sauber verpacken möchte, kann sich BagIt ansehen. RFC 8493 definiert eine einfache Verzeichnisstruktur mit Nutzdaten, Metadaten und Hash-Manifesten für zuverlässige Speicherung und Übertragung. Die Dateien bleiben direkt zugänglich; das Paket braucht kein mystisches Archivprogramm. [11] Für die meisten Runden genügt auch ein normales Verzeichnis mit einer erzeugten SHA-256-Liste. Entscheidend ist der Test: Kopie vom getrennten Speicher holen, README öffnen, einige Dateien prüfen und eine Welt oder Lesefassung tatsächlich benutzen. Ein Backup, das nie wiederhergestellt wurde, ist vor allem eine Hoffnung mit Laufwerksbuchstaben.

Nicht alles gehört allen

Eine Kampagne ist gemeinschaftlich, ihre Dateien sind es nicht automatisch. Im Spielleitungsordner liegen vielleicht private Hintergründe, Nachrichten über Konflikte, Aufnahmen von Stimmen oder gekaufte Karten und Musik. Im Discord-Export stehen nur die eigenen gesendeten Nachrichten, aber auch die können andere Menschen betreffen. Im Charakterporträt steckt womöglich eine Auftragsarbeit mit begrenzter Nutzung.

Darum gehört zugriff-und-rechte.md in den Kern. Darin steht in normaler Sprache, welche Teile nur die damalige Runde lesen darf, was an eine neue Spielleitung weitergegeben werden kann, welche Dateien öffentlich gezeigt werden dürfen und wo vor jeder Nutzung erneut gefragt werden muss. Herkunft und Lizenz gekaufter oder fremder Assets kommen ins Medieninventar. Unsichere Rechte werden nicht durch optimistische Dateinamen geheilt.

Das ist auch eine Gelegenheit zum Weglassen. Ein intimer Spielertext muss nicht in jeder Sicherung liegen, nur weil er dramatisch gut war. Eine peinliche Chatnacht wird durch Vollständigkeit nicht automatisch historisch wertvoll. Bewahren ist eine Form von Verantwortung: gegenüber der Erinnerung und gegenüber den Menschen, die darin vorkommen.

Das Archiv ist die letzte gemeinsame Sitzung

Technisch kann eine Person das alles allein erledigen. Kulturell wäre das die ärmere Lösung. Die schönste Abschlussarbeit ist eine letzte kurze Runde ohne Abenteuer: Jede Person bringt eine Datei, einen Satz oder ein Bild mit, das bleiben soll. Gemeinsam wird entschieden, wie die Geschichte endete, welche Hausregel wirklich galt und wer den Archivkern künftig verwahrt.

Dabei entsteht etwas, das keine automatische Exportfunktion liefern kann: eine geteilte Beschreibung dessen, was diese Kampagne für die Gruppe war. Vielleicht bleibt am Ende weniger übrig als im ursprünglichen Download-Ordner. Aber das Wenige hat Namen, Reihenfolge, Herkunft und eine Tür, die sich wieder öffnen lässt.

Die Kampagne muss nicht ewig weitergespielt werden, um weiterzuleben. Sie braucht nur einen guten Nachlass. Nicht möglichst viele Dateien, sondern genug Zusammenhang, damit jemand in fünf Jahren sagen kann: Ach deshalb brannte die Hauptstadt. Und dann den nächsten Abend planen.

Geöffnete Archivstandards und Plattformdokumentationen

  1. Library of Congress – How do I preserve my digital files? (national-library-preservation-guidance)
  2. Library of Congress – Care, Handling, and Storage of Works on Paper (national-library-collections-care-guidance)
  3. U.S. National Archives – Platform-independent file and folder naming guidance (national-archives-records-guidance)
  4. Obsidian Help – How Obsidian stores data (software-documentation-primary)
  5. Obsidian Help – Back up your Obsidian files (software-documentation-primary)
  6. Discord Support – Your Discord Data Package (platform-documentation-primary)
  7. Roll20 Help Center – Game Details Page and Copy Game (platform-documentation-primary)
  8. Foundry Virtual Tabletop – Backups and Snapshots (software-documentation-primary)
  9. Foundry Virtual Tabletop – Asset Management and backups (software-documentation-primary)
  10. National Digital Stewardship Alliance – Levels of Digital Preservation 2.1 (professional-preservation-framework)
  11. RFC Editor – RFC 8493: The BagIt File Packaging Format (technical-specification-primary)
  12. Digital Preservation Coalition – Fixity and checksums (professional-preservation-handbook)
  13. Library of Congress – PDF/A Family for long-term preservation (national-library-format-analysis)

Recherche- und Redaktionsstand: 18. August 2026. Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig.

Geschrieben & verantwortet von

Benjamin Metzig

Gründer und Autor von Tiefnerdig. Liebt konkrete Namen, klare Urteile und Quellen, die tatsächlich halten, was der Text ihnen zuschreibt.

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